Bevor mein Zug aus Leipzig abfuhr, wollte ich unbedingt noch eine örtliche Gebäckspezialität probieren, von der ich im Internet gelesen hatte: die Leipziger Lerche. Ich hatte noch eine Dreiviertelstunde Zeit und machte mich an dem brütend (haha) heißen Vormittag auf die Suche. Ich hatte damit gerechnet, dass eine Spezialität einfach zu finden wäre – jedoch war es nicht so. Konditoren, Feinkostverkäufer, Souvenirshopbetreiber und Bäcker schickten mich von einem zum anderen und durch die halbe Innenstadt. Auch am Bahnhof gab es die Vögel nicht.
Irgendwann musste ich aufgeben und in den ICE steigen. Neben mir saß eine ältere Dame. Ich war wieder einmal müde bis zur Erschöpfung, holte “Mister Aufziehvogel“ von Haruki Murakami aus der Tasche und hoffte auf eine ruhige Fahrt und vielleicht ein wenig Schlaf. Als ich fast weggedämmert war, kam ein Kollege vorbei, der auch an der Tagung teilgenommen hatte und begann ein Gespräch. Eigentlich wiederholte er genau das, was wir schon auf der Tagung besprochen hatten, aber sei’s drum. Ein wenig mehr Networking kann nicht schaden.
Leider sah die alte Dame das als Startschuss, um mich mit ihrem Kaffee- und Gebissatem anzuquatschen, sobald der Kollege weg war. Ob mein Buch gut sei, wollte sie wissen. Sie lese nämlich gern dicke Bücher, und meins sei so schön dick. ‘Das ist ja mal ein innovatives Auswahlkriterium’, dachte ich und antwortete, ja, bisher gefiele es mir. Sie bat noch darum, den Klappentext lesen zu dürfen und schrieb sich den Titel auf. Auf mich wirkte sie wie eine Leserin von historischen Romanen, die im Mittelalter spielen, z.B. “Der Medicus“ – am besten noch mit einem präfeministischen Einschlag, z.B. “Die Päpstin“. Ob sie dann mit Murakami etwas anfangen kann? Ich weiß es nicht.
Mir selbst erschien das Buch nach einiger Zeit recht langatmig, obwohl ich andere Bücher dieses Autors bisher gern mochte. Zehn Minuten nachdem ich es beendet hatte, hatte ich wieder vergessen, ob Kumiko nun zu ihrem Mann zurückkehrt und auch bei ihm bleibt. Gerade habe ich in einer Kritik gelesen, dass meine Ausgabe wohl sehr schlecht übersetzt ist – möglicherweise sei es sogar eine Übersetzung aus einer englischen Fassung statt aus dem japanischen Original. Hmpf.
Unterdessen sprachen im Zug die Selten- und Erstfahrer über die immer gleichen Selten- und Erstfahrerthemen:
- • Wie unpraktisch und unhöflich es doch sei, wenn Reisende Koffer mitnehmen und bis zu ihrem Platz damit durch den Zug gehen
- • Wie schön die Züge inzwischen geworden seien
- • Wann wohl der Schaffner kommen möge
- • “Ach, guck mal, Hertha, Jalousien, das gab es früher nicht.“
- • “Schau mal, Heinz, ein Klapptischchen, da kannst du dein Brot drauflegen.“
Die ältere Dame musste zur Toilette. Sie blieb recht lange weg, sodass der Zug zwischendurch anhielt und viele neue Fahrgäste einstiegen. Ein Mann mit Anzug und Koffer wollte ihren Platz:
Er: “Hier ist noch frei, oder?”
Ich: “Nein, tut mir leid.”
Er: “Aber da sitzt doch niemand.”
Ich: “Hier sitzt eine ältere Dame, die vorhin aufgestanden ist und gleich wiederkommt.”
Er: “Aber da steht nicht, dass der Platz reserviert ist.“
Ich: “Die Reservierungsleuchte wird bei der Fahrkartenkontrolle abgeschaltet. Sie können gerne hier warten. Die Dame kommt gleich wieder.”
Er: +Grmpfel+… und ging. Immer diese Anfänger…
Die alte Dame kam zurück. Nachdem sie sich erleichtert hatte, war sie wieder in Redelaune. Ich versuchte, ihrem schlechten Atem auszuweichen und hörte zu:
Sie: “Ich habe in Leipzig meine Tochter und meinen Enkel besucht.”
Ich: “Ach schön. Wie heißt der Kleine denn?”
Sie: “Fünnüs.”
Ich, denkend: Sag jetzt nichts Falsches. Und wer weiß, woher der Vater kommt.
Ich: “Oh, den Namen kenne ich noch nicht. Wie schreibt der sich denn?”
Sie: “P – H – Y – N – N – I – S.”
Ich: “Ist das ein skandinavischer Name?”
Sie: “Ach, den haben sich meine Tochter und ihr Mann mehr oder weniger selbst ausgedacht. Aber im Bekanntenkreis meiner Tochter gibt es noch zwei Kinder mit ähnlichen Namen.”
Ich: “Na dann.”
Sie: “Die jungen Leute heute sitzen ja nur noch am Handy und am Internet. Aber ich brauche so was alles nicht. Ich will das auch nicht.”
Ich: “Naja, wenn Sie das nicht wollen, dann lassen Sie es eben. Es muss ja nicht jeder mitmachen.”
Sie: “Nee, ich will das nicht. Ich bin alt genug geworden auch ohne Handy. Wer mich wirklich sprechen will, der ruft auch ein zweites Mal an.”
Ich: “Ja, stimmt.”
Sie: “Mein Nachbar macht jetzt bei lauter Kursen mit… Handykurse für Senioren, Computerkurse für Senioren… der fragt mich dauernd, ob ich nicht auch will. Aber ich will nicht. Warum soll ich achtzig Euro für einen Handykurs ausgeben, wenn ich gar kein Handy will?”
Ich: “Richtig, aber es zwingt Sie ja niemand, wenn Sie nicht wollen.”
Sie: “Nee, ich brauche kein Internet. Ich will das nicht.”
Ich: “Dann wären Sie in einem Kurs auch nicht motiviert.”
Sie: “Also was soll das? Dieses Internet…”
So ging das noch fünf Minuten weiter. Ich habe ihr in allem zugestimmt, aber sie konnte nicht aufhören, sich gegen moderne Technologie zu wehren. Das Thema muss sie ganz schön mitnehmen. Der ICE näherte sich langsam dem Ruhrgebiet, und das Thema “Aus- und Umsteigen“ kam auf. Sie fragte mich, bis wohin ich noch fahren würde.
Ich: “Ich steige in Dortmund um und dann…”
Sie, leicht entsetzt: “In Dortmund? Am Hauptbahnhof?”
Ich: “Ja…?”
Sie: “Da waren doch gestern diese Krawalle… diese Schlägereien mit der Polizei.”
Ich war sehr überrascht, kramte in meinem Gedächtnis, konnte mich aber nicht erinnern: “Ich habe gestern kaum Nachrichten gehört. Was war denn los?”
Sie: “Na, die Leute haben gegen den Umbau des Bahnhofs protestiert, und es gab sogar Verletzte. Wissen Sie, warum die Leute so sehr gegen den Umbau sind?”
Ich kenne den Dortmunder Hauptbahnhof, der neulich ein wenig renoviert wurde, und kann mir keinen vernünftigen Grund ausdenken, um ihn so zu lassen wie er ist: “Das kann ich mir gar nicht vorstellen… höchstens vielleicht wegen der gestiegenen Kosten und dem Haushaltsloch, das 2009 plötzlich nach der Wahl…” … und auf einmal erinnerte ich mich an eine Meldung, die tags zuvor im Radio kam. Aber das konnte nicht sein, oder?
Ich: “Meinen Sie vielleicht den Bahnhof in Stuttgart?”
Sie: “Ach ja Stuttgart, das kann auch sein. Doch… ja, vielleicht Stuttgart und nicht Dortmund.”
Ich: +headklappdesk+ “Ja, die Kosten für den Stuttgarter Bahnhof wurden immer höher. Außerdem ist das einer der schönsten Bahnhöfe in Deutschland, und er soll ja zum Teil abgerissen werden.”
Wahnsinn. Sie verwechselte mal eben Dortmund mit Stuttgart, obwohl sie selbst aus Essen kam. Aber bald war ich sie und ihren Atem los, denn meine Reise war beendet und ich wieder zu Hause beim Freund, der sich über die Dame sehr amüsiert hat. Leipziger Lerchen kann man übrigens auch über das Internet bestellen.