Meine Schwiegermutter ist für ihre Anfang Siebzig eigentlich noch ziemlich rüstig und fit. Sie fährt Auto, geht zum Tanzen und Kegeln und hat einen Laptop, auf dem sie ihre selbstgeschriebenen Gedichte abtippt und speichert. Vor einer Weile hat sie sich sogar intensiv für einen Internetanschluss interessiert, weil Freundinnen ihr von den Möglichkeiten des Netzes erzählt hatten und fast alle Fernsehsendungen inzwischen auf ihre Webseiten hinweisen.
Beinahe hätte sie schon einen Vertrag unterschrieben, aber wir konnten sie noch
überreden, vorher einmal bei uns probezusurfen. Wir zeigten ihr den Internetauftritt der Tagesschau, eine Suchmaschine, eine Seite mit Kochrezepten und YouTube. Aber das ganze Konzept gefiel ihr nicht. Sie wollte die Maus nicht selbst bedienen, und nach einer Minute hat sie nicht mehr zugehört und laufend das Thema gewechselt. Dann kam sie zu dem Schluss, das Internet sei wohl doch nichts für sie. Offenbar hat sie es sich anders vorgestellt – nur wie, das weiß ich nicht. Vermutlich linearer aufgebaut und weniger interaktiv.
Vor einigen Monaten bekam sie ihre erste DVD geschenkt. Der Sohn einer ihrer Mittänzerinnen hatte einen Auftritt gefilmt, geschnitten, mit Menü versehen und für alle Mitglieder der Tanzgruppe gebrannt. Also wollte sie nun einen DVD-Player haben, um den Auftritt ansehen zu können und bat uns, für sie einen kaufen zu gehen. Wir wiesen auf das DVD-Laufwerk ihren Laptops hin, aber das wollte sie nicht benutzen. Dann müsse sie ja jedes Mal den Laptop ins Wohnzimmer tragen, wenn sie ihren Tanzauftritt sehen wolle.
Also gut. Wir kauften einen günstigen DVD-Player mit übersichtlicher Fernbedienung und zusätzlichen, gut sichtbaren Tasten an der Front des Geräts. Am folgenden Sonntagnachmittag trugen wir ihn in ihre Wohnung, bauten ihn auf, legten eine Beispiel-DVD ein und begannen die Erläuterungen. Alles war gut, alles war schön. Bis wir zum unvermeidlichen Menü auf der DVD kamen.
Freund: Und jetzt siehst du auf dem Bildschirm mehrere Möglichkeiten… du kannst dir den Film angucken oder Interviews mit den Schauspielern oder eine Vorschau für neue Filme…
Schwiegermutter: Aber das will ich alles nicht, ich will den Film sehen.
Freund: Okay, wir wollen den Film sehen, also drückst du auf der Fernbedienung die Pfeiltasten, bis die Taste “Film” auf dem Bildschirm rot wird… Dann drückst du auf Enter… Dann startet der Film. (Der Film startet.)
Schwiegermutter: Was hast du denn jetzt gemacht?
Freund: Ich gehe nochmal zurück. Auf dem Bildschirm sind Tasten.
Schwiegermutter: Wo?
Flower: *zeigt* Da.
Schwiegermutter: Aha.
Freund: Auf der Fernbedienung sind Knöpfe mit Pfeilen.
Schwiegermutter: Ja.
Freund: Wenn du die Knöpfe mit den Pfeilen drückst, ändert eine von den Tasten auf dem Bildschirm die Farbe. Wenn du dann Enter drückst, passiert das, was auf der Taste steht.
Schwiegermutter: Was für Tasten?
Freund: Die Tasten auf dem Bildschirm. Die ihre Farbe ändern.
Schwiegermutter: Aber ich weiß doch gar nicht, welche gerade die Farbe geändert hat.
Freund: Doch. Die, die anders aussieht, als die anderen.
Schwiegermutter: Mach doch einfach, dass der Film anfängt – ohne das.
Freund: Ohne was?
Schwiegermutter: Na, ohne die ganzen Tasten und das Gedrücke. Immer kaufst du solche komplizierten Geräte. Kannst du nicht mal was einfaches kaufen?
Freund: So funktionieren DVDs nun mal, das geht nicht anders.
Schwiegermutter: Ach, das sagst du doch jetzt nur so. Das ist mal wieder typisch.
— Schwiegervater schaltet sich leicht erbost ein. —
Schwiegervater: Weißt du, wir alten Leute können das nicht mehr so, da musst du auch mal an deine Mutti denken.
Schwiegermutter: Da hörst du’s.
Schwiegervater: Vielleicht müssen wir den Linpinsky anrufen, wenn das nicht geht. Hast du die Nummer da, Marianne?
— Herr Linpinsky betreibt ein Elektronikgeschäft und macht bei Bedarf auch Hausbesuche. Der arme Mann. Dafür sollten wir ihn wirklich nicht bemühen, erst recht nicht an einem Sonntag. —
Flower: Diese Menüs sind auf den DVDs drauf, nicht im DVD-Player. Das Gerät kann nichts dafür.
Schwiegervater: Bist du sicher?
Flower und Freund (nachdrücklich): Ja!
— Beruhigung kehrt langsam wieder ein. —
Schwiegermutter: Lass uns mal probieren, ob das Video mit meinem Tanzen funktioniert.
Wir leiten sie durch das Menü, sie erklärt uns den Tanz. Hinterher fragt sie: “Muss ich das jetzt noch zurückspulen?”
Flower: Nein, Marianne, das funktioniert wie bei einer CD. Die musst du ja auch nicht zurückspulen.
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Seitdem hat sie keine DVD mehr angesehen.
Neulich haben wir aus der Videothek “True Grit” ausgeliehen. Da mein Freund von dem Film so begeistert war, hatte er auch seiner Mutter davon erzählt. Die sagte: “Klingt gut, würde ich auch gern sehen.” Da die Leihfrist über mehrere Tage lief, brachte er die DVD am Morgen des Abgabedatums bei ihr vorbei und sagte, er würde sie abends wieder abholen, um sie zurückzugeben.
Beim Abholen fragte er, wie sie damit zurechtgekommen sei. Mit dem Menü gar nicht, sagte sie, das Auswählen habe nicht geklappt. Sie habe aber trotzdem einen Teil des Westerns “über diesen Mann” gesehen. Vor dem Menü sei er gelaufen. Irritiert fragte mein Freund nach dem Inhalt – Hauptperson in “True Grit” ist schließlich ein junges Mädchen. Auch in den Trailern kam hauptsächlich sie vor, wenn ich mich richtig erinnere.
Nein, sagte Schwiegermutter, einem Mann sei in einem Western ein technisches Gerät an den Arm gebunden worden. Ah, ein Trailer zu Cowboys and Aliens!
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Das Problem mit Schwiegermutter und Technik ist, dass sie
- eine ganz klare Vorstellung hat, wie etwas funktionieren sollte
- nie zuhört, wenn man etwas erklärt
- uns bzw. meinem Freund die Schuld gibt, wenn etwas nicht so funktionert, wie sie denkt, dass es funktionieren sollte.
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